Bikepacking in Belgien: Drei Tage zwischen Limburg, Ardennen und Hohem Venn
Belgien überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Nicht, weil dort alles spektakulär ist. Sondern weil sich auf wenigen Kilometern unglaublich viel Abwechslung findet.
Von Köln aus bin ich mit dem Zug in gut einer Stunde in Aachen. Von dort sind es nur wenige Pedalumdrehungen bis zur niederländischen Grenze und von dort nicht weit bis zu meinem Zielland Belgien – schon fühlt sich ein ganz normales Wochenende wie ein kleiner Urlaub an. Genau deshalb habe ich an einem Freitagmittag mein Gravelbike in den Regionalzug gestellt und bin für drei Tage Richtung Westen aufgebrochen.
Alleine unterwegs, ohne festen Zeitplan und einfach mit der Lust, ein paar neue Straßen kennenzulernen, den Kopf zu Lüften und Kraft für die kommenden Wochen zu sammeln.
Tour auf einen Blick
📍Region: Belgien (Limburg, Wallonien & Hohes Venn)
🚉 Start & Ziel: Aachen Hbf (Anreise bequem mit dem Zug ab Köln)
📅 Dauer: 3 Tage / 2 Übernachtungen
🚴 Strecke: ca. 302 km
⛰️ Höhenmeter: ca. 2920 hm
🚲 Bike: Gravelbike (40 mm Reifen)
🏕️ Übernachtungen:
- Bivakzone Kiewit (kostenlos, Reservierung erforderlich)
- Campspace in Nessonvaux
💪 Schwierigkeit: Kondition ★★★★☆ | Technik ★★☆☆☆
Highlights
- 🌉 Schwimmende Brücke „Radeln zwischen den Halden“
- 💧 Radeln durch das Wasser
- 🍏 Apfel- und Birnenplantagen in Limburg
- ⛪ Schwebende Kapelle Helsh(e)aven
- 🚴 Mur de Huy
- ⛰️ Signal de Botrange
- 🌾 Hohes Venn
Freitag: Der perfekte Einstieg
Als ich mittags in Aachen auf das Rad steige, ist es noch überraschend frisch. Die Sonne kämpft sich zwar schon durch die Wolken, richtig sommerlich fühlt es sich aber erst an, als ich Belgien erreiche. Mit jedem Kilometer wird der Himmel blauer und am Nachmittag sind angenehme 24 Grad erreicht – perfektes Bikepacking-Wetter.
Schon der erste Tag hält zwei Highlights bereit:
Den Anfang macht die schwimmende Brücke „Radeln zwischen den Halden“. Fast lautlos führt der Radweg über das Wasser und verbindet zwei ehemalige Halden. Eine ungewöhnliche Konstruktion, die sich erstaunlich harmonisch in die Landschaft einfügt.

Wenig später folgt eines der bekanntesten Radprojekte Belgiens: „Radeln durch das Wasser“. Der Radweg verläuft mitten durch einen See, das Wasser reicht links und rechts beinahe bis auf Augenhöhe. Natürlich kennt man die Bilder aus dem Internet – trotzdem ist es etwas völlig anderes, selbst hindurchzufahren.





Spätestens hier war klar: Belgien kann Radinfrastruktur.
Der Abend endet in der Bivakzone Kiewit bei Hasselt. Die einfachen Trekkingplätze sind kostenlos und eine großartige Möglichkeit, günstig mit Zelt unterwegs zu sein. Ein Tipp vorab: Unbedingt rechtzeitig reservieren! Gerade im Sommer sind die wenigen Plätze schnell vergeben. Etwa 200m vom Biwakplatz entfernt gibt es einen Erlebnisbauernhof mit Restaurant. Hier habe ich hervorragend zu Abend gegessen. Außerdem bleiben die Toiletten auch nachts geöffnet, sodass man diese jederzeit nutzen kann und dort auch seine Wasservorräte auffüllen kann.






Samstag: Obstplantagen, die Mur de Huy und ein perfekter Campingplatz
Der Samstag beginnt genau so, wie man sich einen Sommertag wünscht: strahlend blauer Himmel und schon am frühen Morgen angenehm warm. Mittags wird es sogar richtig heiß.
Die erste Hälfte der Etappe überrascht mich besonders. Mit Belgien verbinde ich ehrlich gesagt eher Kopfsteinpflaster, Bier und Pommes als Obstanbau. Umso schöner ist es, stundenlang durch Apfel- und Birnenplantagen zu rollen. Kleine Straßen schlängeln sich zwischen den Feldern hindurch und immer wieder ergeben sich tolle Ausblicke.
Mitten in dieser Landschaft taucht plötzlich die schwebende Kapelle Helsh(e)aven auf. Von weitem wirkt sie tatsächlich, als würde sie über den Feldern schweben. Einer dieser Orte, an denen man automatisch vom Rad steigt und einfach ein paar Minuten stehen bleibt.


Der sportliche Höhepunkt des Tages wartet allerdings erst später.
Die Mur de Huy ist für Radsportfans fast schon ein Wallfahrtsort. Jedes Jahr entscheidet dieser Anstieg das Finale des Frühjahrsklassikers La Flèche Wallonne. Auf dem Papier ist die Mauer nur gut einen Kilometer lang. In der Realität fühlt sie sich deutlich länger an. Die Steigung nimmt kontinuierlich zu und erreicht in den steilsten Passagen fast 20 Prozent! Während das Vorderrad gefühlt immer leichter wird und die Geschwindigkeit immer weiter sinkt, versteht man plötzlich sehr gut, warum hier selbst die besten Profis leiden – mit Gepäck und auf dem Gravelbike leide ich wirklich. Ich muss aber unbedingt noch mal mit dem Rennrad wiederkommen!
Oben angekommen bleibt vor allem eines: Respekt vor diesem kurzen, aber gnadenlosen Anstieg. Zum Glück findet sich dort auch schnell ein Restaurant mit einer Cola und einem (alkoholfreien) Bier zur Belohnung und Rehydration. Leider bin ich nach 14 Uhr dort was bedeutet: die Küche ist zu und ich bekomme nichts zu essen. Ich habe aber zum Glück noch genügend Weingummis in der Fahrradtasche.






Am Abend wartet dann das komplette Kontrastprogramm.
Mein Campspace in Nessonvaux entpuppt sich als echter Glücksgriff. Zwar kostet der letzte Anstieg mit in der Spitze 16% Steigung noch mal die letzten Kräfte, aber Gastgeber Bernhard begrüßt mich herzlich und fragt kurze Zeit später, ob ich Lust auf Pizza hätte. Nach einer warmen Dusche die mich wieder gesellschaftsfähig gemacht hat sitze ich mit seiner Familie am Holzofen und genieße eine selbstgemachte Pizza. Dabei hatte ich eigentlich mit einer schnellen Mahlzeit aus der Packtasche gerechnet.
Mein Zelt steht direkt neben einem kleinen Weinberg und ich habe sogar ein eigenes Badezimmer im Garten. Nach einer Nacht auf dem Trekkingplatz fühlt sich das fast schon luxuriös an.



Sonntag: Das Hohe Venn als großes Finale
Der Sonntag beginnt freundlich. Die Sonne scheint und zunächst deutet nichts darauf hin, dass sich das Wetter noch einmal komplett drehen wird. Ich mache mir Müsli, koche Kaffee, genieße den Ausblick und die frühen Sonnenstrahlen.
Direkt hinter Nessonvaux wartet allerdings erst einmal der längste Anstieg der gesamten Tour. Kilometerlang zieht sich die Straße bergauf. Kein brutaler Stich wie die Mur de Huy, sondern ein langer, gleichmäßiger Anstieg, der Geduld verlangt und die Beine schon früh am Morgen auf Betriebstemperatur bringt.
Oben angekommen öffnet sich langsam die Landschaft des Hohen Venns.
Für mich ist das ohne Zweifel der schönste Abschnitt der gesamten Tour. Weite Moorflächen, einsame Waldwege und eine Ruhe, die ich eher in Schweden erwartet hätte als direkt hinter der belgischen Grenze. Das Hohe Venn wirkt nie spektakulär, aber genau darin liegt sein Reiz. Diese offene Landschaft hat etwas unglaublich Beruhigendes.
Natürlich darf auch ein kurzer Stopp am Signal de Botrange, dem höchsten Punkt Belgiens, nicht fehlen. Mit seinen 694 Metern wirkt das zunächst unscheinbar. Nach den Anstiegen des Morgens fühlt sich der kleine Abstecher aber trotzdem verdient an. Hier gönne ich mir auch eine ausgiebige Pause und die erste Portion Pommes des Wochenendes!










Je weiter ich mich Aachen nähere, desto mehr verändert sich das Wetter. Der Wind frischt deutlich auf, dunkle Wolken ziehen auf und schließlich setzt leichter Nieselregen ein. Typisch Belgien, könnte man sagen.
Trotzdem passt selbst dieser Wetterwechsel irgendwie zum Wochenende. Drei Tage mit Sonne, Hitze, Wind und Regen – abwechslungsreicher hätte die Tour kaum sein können.
Fazit
Belgien überrascht mich jedes Mal aufs Neue.
Nicht mit spektakulären Alpenpässen oder weltberühmten Sehenswürdigkeiten, sondern mit Dingen, die man erst unterwegs entdeckt: hervorragende Radwege, abwechslungsreiche Landschaften, kleine Orte, in denen man gerne länger bleiben würde, und Menschen, die einem völlig selbstverständlich eine Pizza aus dem eigenen Holzofen anbieten.
Dazu kommen Highlights wie die Mur de Huy, die Radwege durchs Wasser oder das Hohe Venn – und plötzlich merkt man, dass man für ein richtig gutes Bikepacking-Wochenende gar nicht weit fahren muss.
Für mich hat sich diese Tour wieder einmal bestätigt: Belgien gehört zu den unterschätztesten Bikepacking-Zielen direkt vor unserer Haustür. Und ich bin ziemlich sicher, dass das nicht meine letzte Runde dort gewesen ist.
Die ganze Route habe ich in einer Komoot-Collektion zusammengefasst.
Nützliches:
Meine Packliste fürs Bikepacking mit Zelt findest du hier, ein Artikel wie ich was unterwegs Koche ist bereits in Planung.